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Epilog zu „Prisoner X“. 

SENTINEL
- Aftermath -  

by Franziska (April 2000)
 

 

Haß.


Er hatte noch nie in seinem Leben so tiefen Haß empfunden wie in den letzten paar Tagen. Nie hätte er geglaubt, so etwas fühlen zu können. Aber das Gefängnis hatte ihn stärker verändert als er es für möglich gehalten hätte. Jetzt lag er hier in seinem Bett und dachte nach. Er dachte nach über die jüngsten Geschehnisse, und wie er am besten wieder zu sich selbst zurück finden konnte. Am liebsten würde er ja mit Blair darüber reden, aber er hatte immer Probleme mit so etwas. Über seine Gefühle zu reden war nicht gerade seine Stärke. Sein Blick fiel auf den Wecker neben seinem Bett. 4:23 Uhr. Die Nacht war noch lang, und er konnte einfach nicht schlafen. Er wußte, daß Blair da unten genauso wach lag. Irgendwie spürte dieser es immer, wenn es Jim nicht gut ging. Seine Vernunft sagte ihm, er solle hinunter gehen zu Blair, aber er brachte nicht genug Mut dazu auf. Noch nicht. Im Moment hatte er eher das Bedürfnis, hier raus zu müssen. Weg von den Wänden, die ihn umgaben. Obwohl ihm natürlich bewußt war, daß er nicht mehr im Gefängnis war, waren ihm jede Art von geschlossenen Räumen immer noch nicht so ganz geheuer. Leise schwang er die Beine aus dem Bett und zog sich schnell seinen Jogginganzug und seine Turnschuhe an. Mit vorsichtigen Schritten ging er in Richtung Tür, immer darauf bedacht, nicht allzu laut zu sein. Draußen angelangt, stieg er in sein Auto und fuhr in Richtung Wald.

 

~~~~~

 

Verdammt. Ich hörte natürlich wie Jim die Wohnung verließ, auch wenn er noch so leise war. Mir war auch klar, wo er hingehen würde. Es gab da einen Ort in den Bergen, an den sich Jim immer dann zurückzog, wenn er seine Ruhe brauchte, oder wenn ihn ein Einsatz vollkommen ausgelaugt hatte. Einmal hatte er mir diesen Ort gezeigt. Er lag außerhalb der Stadt und war nur mühsam per Fuß zu erreichen. Was sollte ich jetzt tun? Ihm gleich hinterher fahren? Oder lieber hier warten, und ihm ein paar Minuten für sich lassen? Ich entschied mich schließlich für Letzteres, denn ein Blick in Jims Augen genügt, und ich wußte, daß er Zeit und Ruhe brauchte. Zeit, um allein zu sein. Ruhe vor allem vor sich selbst. In Augenblicken wie diesen wünschte ich mir, daß er mit mir über alles reden könnte – ohne daß ich alles aus ihm herauspressen mußte. Wovor hatte er Angst? Ich weiß, daß er sehr autoritär erzogen wurde. Sein Vater ließ keine Schwächen zu. Und Gefühle zu zeigen, hieß für seinen Vater Schwächen zuzulassen. Nur Wut und Schuld, das waren die einzigen Emotionen, mit denen Jim keine Probleme hatte. War er an etwas schuldig, konnte er Tage damit zu bringen, dafür zu „büßen“. Auf unterschiedlichster Art und Weise. Er konnte sehr hart zu sich selbst sein. Aber Angst? Keine Chance. Irgendwie schmerzte mich das auch. Er müsste doch eigentlich wissen, dass ich immer für ihn da bin, und dass er mit mir über alles – wirklich alles – reden kann. Mit einem Kopfschütteln löste ich mich von diesen Gedanken. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, daß Jim nun seit einer halben Stunde unterwegs war. Genug Zeit für ihn, um nachzudenken, entschied ich.

 

~~~~~

 

Ich sah ihn schon von Weitem da oben sitzen. Er blickte in die Ferne und ich konnte schwören, dass er wieder die Kiefernmuskeln angespannt hatte – wie immer wenn er ärgerlich war oder wenn er nachdachte. Was würde ich jetzt alles tun, um seine Gedanken zu kennen...

Vorsichtig näherte ich mich ihm an, immer darauf bedacht dem Abgrund nicht zu nahe zu kommen. Schließlich ließ ich mich neben meinem Freund im Schneidersitz nieder und wartete auf ein Zeichen von ihm. Nichts. Er saß einfach da und schaute auf Cascade – seine Stadt, gewissermaßen. Irgendwie scheint ihn dieser Anblick zu beruhigen. Bei uns im Loft steht er an den großen Fenstern oder auf dem Balkon und sieht hinunter auf seine Stadt. Ich denke, dass dies etwas mit dem Beschützerinstinkt zu tun hat. Er ist der Sentinel, seine Aufgabe ist es, den Stamm zu beschützen. Und Cascade, nun ja, in gewisser Hinsicht waren die Bewohner von Cascade seine Stammesangehörigen. Ich riskierte einen Blick zu ihm. Wieder nichts. Nur Schweigen. Minutenlang. Minuten, die mir endlos erschienen. Ich hielt die Spannung nicht mehr länger aus. Irgendetwas musste ich jetzt tun. Wenn er nicht reden wollte, gut. Aber ich musste jetzt mit ihm reden. Jim kann ja schließlich nicht ewig hier oben sitzen bleiben. Also schaute ich tief in die stahlblauen Augen meines Gegenübers und fragte: „Was ist los, Jim?“

Er antwortete nicht sofort. Nach einem Zögern sprach er dann schließlich doch.

„Es ist das Gefängnis. All der Hass. Ich dachte nicht, dass ich jemals so tiefen Hass empfinden könnte. Aber an diesem Ort frisst er einen regelrecht auf. Und dann die Enge, wo man hinsieht – Mauern oder Gitter. Es war nicht auszuhalten für mich. Danach habe ich mich selbst in unserer Wohnung eingeengt gefühlt. Ich musste einfach raus. Also bin ich hier hergekommen.“
“Jim, ich kann zwar nicht nachfühlen, wie Sie jetzt empfinden, aber ich denke ich kann mir ganz gut vorstellen, wie schlimm das für Sie gewesen sein muss. Aber wieso reden Sie nicht gleich mit mir darüber?“

„Es fällt mir einfach schwer, über meine Gefühle zu reden. Es hat nichts mit Ihnen zu tun, Häuptling.“

Aus einem Reflex heraus legte ich meinen Arm um Jims Schulter. „Ich möchte nur, dass Sie wissen, dass ich immer für Sie da sein werde, Jim.“

„Ja, ich weiß.“

Er konnte es nicht wirklich aussprechen, aber ich sah es in seinen Augen. Das Wort „Danke“. Sein Blick drückte all das aus, was Jim nicht sagen konnte. Er war mir dankbar für alles, dankbar dafür, dass ich für ihn da war. Ich drückte noch einmal seine Schulter, dann sprang ich auf.

„Und jetzt? Wollen Sie jetzt für ewig hier sitzen bleiben? Ich meine, ich kann sicher irgendeinen Pizza – Service dazu zu überreden, hier herzukommen, damit Sie was essen können.“

Ich duckte mich noch rechtzeitig, bevor mich Jims Hand erreichte, die schon zum freundschaftlichen „Schlag“ auf den Hinterkopf ausholte.

„Nein. Wir gehen jetzt lieber. In ein paar Stunden wird ein Gewitter aufziehen. Dann möchte ich nicht mehr hier oben sein.“

„Jim, der Himmel ist wolkenlos! Ich bin mir sicher, heute wird ein sonniger Tag.“

„Spüren Sie nicht die elektrische Spannung in der Luft? Vertrauen Sie mir, es wird gewittern?“

„Das können Sie spüren, Mann? Sie erstaunen mich doch immer wieder! Ich...“ Weiter kam ich nicht. Jim unterbrach mich an dieser Stelle, indem er mir mit dem Zeigefinger vor dem Gesicht herumwedelte.

„Denken Sie nicht mal daran, Häuptling. Keine Tests. Verstanden?“
So unschuldig wie möglich sagte ich: „Tests? Was für Tests?“. Kaum hatte ich diesen Satz ausgesprochen, sah ich auch schon, wie Jims Hand meinem Kopf schon wieder beträchtlich nahe kam...

 

-ENDE-

 

 

 

Epilog (Drabble)

 

„Jim?“
“Ja?“
„Sie hatten Recht.“
„Womit?“
„Es gewittert.“
„Sag ich doch.“
„Haben Sie Angst?“
„Nein. Sie etwa?“
„Ja.“
„Sandburg, es ist doch nur ein Gewitter.“

<Rascheln>

„Was machen Sie da?“
„Beschützen Sie mich, Jim. Nehmen Sie mich in den Arm.“
“Blair, meinen Sie nicht, dass das jetzt zu weit führt?“

<Pause>

„Oh.“
„Was?“
„Der Strom ist ausgefallen.“
„Ich weiß, Häuptling.“
„Haben Sie keine Taschenlampe?“
„Doch. Sie ist im Küchenschrank.“
„Warten Sie. Wir können doch überall Kerzen aufstellen. So richtig schön gemütlich.“
„Und die Wohnung abfackeln?“
“Jim...“

<Rascheln, dann Schritte>

„Jim, wo gehen Sie denn hin?“
„Ich hole Ihnen eine Taschenlampe.“

 

- ENDE -

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