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SENTINEL
- Eine kleine Weihnachtsgeschichte -

by Franziska (February 2000)

 

"Rudolph the red - nosed reindeer, had a very shiny nose..." Das durfte doch nicht wahr sein. 6:15 Uhr, und Sandburg sang schon Weihnachtslieder unter der Dusche. Dabei war doch erst der 15. Dezember. Seufzend schwang Jim die Beine aus dem Bett. Ein Blick aus dem Fenster genügte, um zu wissen, daß dies mal wieder einer dieser verregneten Tage werden würde. Wie konnte der Junge an so einem Tag nur so fröhlich sein? Er zog sich seinen Bademantel über und machte sich auf den Weg in die Küche. Was er jetzt brauchte, war ein Kaffee. Oh Mann, das war eine lange Woche, die jetzt schon fast hinter ihm lag. Heute war Freitag, noch ein Tag, und dann würde Wochenende sein. Diesen Tag würde er nun auch noch durchstehen. Er setzte gerade den Kaffee auf, als Blair aus der Dusche kam.

"Guten Morgen, Jim.", begrüßte dieser ihn freundlich.

"‘Morgen, Häuptling. Sagen Sie, was ist mit Ihnen los?"

"Was meinen Sie?"

"Ich meine, die Tatsache, daß Sie unter der Dusche Weihnachtslieder singen, und ansonsten heute auch ziemlich fröhlich drauf zu sein scheinen."

"Jim. Es ist bald Weihnachten. Haben Sie das noch nicht bemerkt?"

"Nichts gegen Weihnachten, aber nervt es Sie denn nicht, wenn schon seit Oktober die ganze Stadt weihnachtlich dekoriert ist, und überall Weihnachtslieder gespielt werden?"

"Dann halten Sie wohl auch nicht viel von Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmännern, hmm?" Blairs Mundwinkel gingen nach oben, als er über Simons Anruf gestern Abend nachdachte. Jim schlief schon, als dieser Sandburg anrief, um ihm die Sache mitzuteilen. Sie hatten beide beschlossen, Jim bis zum heutigen Tag nichts zu sagen.

"Was soll das heißen? Sandburg... Wissen Sie etwas, was ich nicht weiß?"

"Wie kommen Sie denn auf die Idee?"

Jim wollte Sandburg fangen, um ihn auszuquetschen, dieser reagierte jedoch schnell genug, und verschwand schnell aus der Tür.

"Mir ist gerade eingefallen, daß ich dringend noch mal bei der Universität vorbei muß.", sagte er noch, bevor er abhaute.

"Sandburg... SANDBURG!" Seufzend und kopfschüttelnd machte sich Jim auf dem Weg zur Dusche. Irgendwann würde er es schon aus Blair herausbekommen. Irgendwann...

~~~~~

"Simon, das kann nicht ihr Ernst sein!" Entsetzt sah Jim zu Blair Sandburg hinüber. Dieser mußte sich das Lachen verkneifen. Er preßte die Lippen aufeinander, und war schon kurz davor rot anzulaufen. Vor ein paar Minuten wurden Jim und Blair in Simons Büro gerufen, und dieser hatte ihnen dann diese Nachricht unterbreitet. "Nein, ich werde nicht auf der Weihnachtsfeier als Weihnachtsmann auftreten!"

"Kommen Sie, Jim. Das ist doch Tradition.", mischte sich Blair mit einem Lachen in seiner Stimme ein. "Sie sind doch nicht der Einzige. Ich werde schließlich auch im Weihnachtsmannkostüm kommen müssen."

Das war es also, was Blair ihm heute morgen angedeutet hatte. Na warte, das würde noch ein Nachspiel haben. "Simon, muß das denn sein?"

"Ja, das muß sein. Sie wissen, das jedes Jahr zwei Cops damit betraut werden. Und dieses Jahr sind Sie dran. Kommen Sie, Jim, das wird bestimmt lustig."

"Ja, für Sie vielleicht. Sie müssen ja auch nicht so albern herumlaufen, Captain."

"Stimmt, aber sehen Sie sich Sandburg an, er freut sich auch schon darauf."

Jim warf seinem Partner einen Seitenblick zu. "Ja, weil er verrückt ist. Okay, meinetwegen. Ich mach’s. Aber glauben Sie nicht, daß mir das Spaß machen wird."

"Abwarten." Zufrieden steckte sich Simon eine Zigarre an. "Und jetzt raus hier. Alle beide." Banks mußte unwillkürlich lächeln, als er sah, wie Jim Blair fest und bestimmt an der Schulter packte, und in Richtung Pausenraum lenkte.

"Sie wußten davon, nicht wahr?" In Jims Stimme war ein leicht wütender Ton zu hören. Trotzdem konnte sich Blair das Lachen immer noch nicht verkneifen. Schon allein bei dem Gedanken, Jim in einem Weihnachtsmannkostüm zu sehen, rief bei ihm diese kaum zu unterdrückende Reaktion hervor.

"Ja. Simon hat mich gestern Abend angerufen, als Sie schon schliefen. Wir wollten Ihnen noch nichts sagen, da wir befürchteten, Sie würden vielleicht aus der Stadt flüchten oder so."

"Ja, vermutlich haben Sie recht. Seien Sie nur vorsichtig, daß Sie ja nicht in meine Nähe kommen, wenn ich die Rute in der Hand habe..."

"Kommen Sie, Jim. Weihnachten ist doch die schönste Zeit des Jahres. Plätzchenduft in der Nase, die ganze Stadt hübsch dekoriert..."

"... Grippeviren in der Luft."

"Sie schaffen es doch immer wieder, an allem etwas Schlechtes zu finden."

"Das ist meine Aufgabe."

"Habe ich da richtig gehört? Sie werden auf der diesjährigen Feier den Weihnachtsmann mimen?" Woher wußte sie das? Megan war gerade erst in der Polizeistation eingetroffen, als sie Jim schon darauf ansprach. Ein kurzer Blickwechsel zwischen Megan und Blair, den er beobachtete, sagte alles.

"Ja, ja. Machen Sie sich ruhig lustig über mich."

"Nein, ich mache mich nicht lustig. Ganz und gar nicht. Ich wette, Sie sehen ganz süß aus."

"Süß. Aha. Machen Sie bloß, daß Sie hier von meinem Schreibtisch wegkommen, bevor ich noch die Kontrolle über mich verliere." Ein leicht amüsierter Unterton schwang in Jims Stimme mit. Inzwischen hatte er sich mit seinem ‚Schicksal‘ abgefunden, und sah das Ganze mit etwas mehr Humor.

~~~~~

24. Dezember. Mit einem Seufzer kommentierte Jim den Blick auf den Kalender. Heute Nachmittag würde die ‚gefürchtete‘ Feier statt finden. Aber vorher mußte er noch für Blair das Geschenk besorgen. Ein paar Anrufe mußte er dafür noch tätigen, aber er war sich sicher, daß Blair sich darüber freuen würde.

Nachdem er wach genug war, um seine Umgebung richtig wahrzunehmen, realisierte einen vertrauten Duft, der ihm in die Nase stieg. Es war der Duft von Weihnachtsplätzchen. Richtig, das gehörte ja zu ihrer Aufgabe. Jim und Blair mußten heute Nachmittag das Departement mit Plätzchen, Glühwein, und was sonst noch so gewünscht wurde, zu versorgen.

"Morgen, Sandburg.", murmelte er, nachdem er aus der Dusche kam. Noch halb schlafend öffnete er die Kühlschranktür und nahm sich eine Flasche Wasser raus.

"Guten Morgen, Jim. Kommen Sie, es wartet Arbeit auf Sie. Ich habe schon mal mit meinen Plätzchen angefangen. Es wird Zeit, daß Sie auch mal mit der Arbeit beginnen."

"Häuptling, ich sehe hier gar keine Meßbecher oder Wagen. Wie haben Sie sich denn an die Mengenangaben halten können, hmm?"

"Schätzungen, Jim. Das macht man nach Gefühl. Keiner backt genau nach Rezept."

"Doch. Ich. Ich will gar nicht wissen, wie ihre zusammengepanschten Kekse schmecken."

"Zusammengepanscht, hmm? Sagen Sie das noch mal." Drohend hielt Blair einen Löffel voll Teig hoch.

"Ja, zusammengepanscht."

"Das ist zuviel!"

Klatsch. Der Teig landete mitten in Ellisons Gesicht. Er wischte sich den Teig von der Haut, und schmierte ihn Blair ins Gesicht. "Na warten Sie, wenn ich Sie in die Finger kriege..."

"Was dann?"

Ohne zu antworten schnappte er sich Blair, nahm dessen Kopf unter seinen Arm, und entleerte die Wasserflasche über Sandburgs Haaren.

~~~~~

 

"... Unsere diesjährigen Weihnachtsmänner sind Detective Jim Ellison und seine Partner Blair Sandburg." Simons Ansprache war hiermit beendet. Er machte sich zusammen mit Megan auf den Weg zu den beiden eben erwähnten.

"Jimmy, was haben Sie denn? Sie und Sandy sehen doch wirklich knuddelig aus.", begrüßte Megan die zwei.

"Nennen Sie mich noch einmal knuddelig, und Sie kriegen meine Rute zu spüren." Warnend hob Jim den besagten Gegenstand. Aber er sah auch wirklich zu komisch aus, mit der Mütze, und dem um mindestens zwei Nummern zu weiten Kostüm. Sandburg gab auch kein besseres Bild ab. Vor den beiden standen zwei große Schüsseln mit Weihnachtskeksen. Vor der einen stand ein Schild mit der Aufschrift "Ellisons Plätzchens", auf der anderen "Sandburgs Plätzchen".

"Was ist denn der Unterschied?", wollte Megan wissen. Lächelnd reagierte Blair auf diese Frage.

"Jims Kekse sind genau nach Rezept gebacken, während meine Version, nun ja, kreativer ist. Ich habe die Zutaten nach Gefühl reingetan."

"So, so. Nach Gefühl. Ich bin mir sicher, daß sie beide sehr gut schmecken. Ich werde von beiden Versionen welche essen." Megan tat sich ein paar auf ihren Teller, und verschwand wieder.

Später am Abend war das Departement plötzlich wie leer gefegt. Von der Feier ein paar Stunden vorher zeugten nur noch ein paar Pappbecher, die hier und da rum lagen. Lediglich Simon, Blair, Megan und Jim waren noch anwesend. Sie hatten sich gegenseitig ein paar Geschenke gemacht. Simon hatte kubanische Zigarren von den dreien bekommen und Megan eine schöne indianische Kette, welche Blair besorgen konnte.

"Ich habe auch was für Sie, Häuptling.", wandte sich Jim an Sandburg. "Ich habe ein paar Anrufe tätigen müssen, aber ich habe es bekommen." Er überreichte Blair ein dünnes Päckchen.

"Oh Mann, danke Jim."

"Nun machen Sie es doch auf."

"Okay, okay." Aufgeregt rupfte Blair an dem Papier um, bis er das Päckchen endlich offen hatte. "Oh Mann, zwei VIP – Karten für das Konzert von Angie Ferris." Dann mußte er jedoch laut los lachen.

Irritiert fragte Jim: "Was ist? Was ist so lustig?"

"Raten Sie mal, was ich für Sie besorgt habe."

"Doch nicht etwa auch zwei VIP – Karten für dieses Konzert?"

"Doch genau, das." Lächelnd hielt Blair Jim die Karten hin.

Interessiert hatte Simon diese Situation beobachtet. "Gentleman, so wie ich das sehe, haben Sie nun genau zwei Karten zuviel. Was werden Sie denn nun damit machen?"

Amüsiert sah Jim Blair an. "Ja, wem wollen wir die Karten geben? Haben sie eine Idee, Simon?"

"Ach, wissen Sie, mir ist gerade eingefallen, daß Sie beide ja ganz oben auf der Liste für die nächsten Gehaltserhöhungen stehen."

"Was für ein Zufall. Wir werden drüber nachdenken, nicht wahr, Häuptling?"

"Ja, klar. So eine wichtige Entscheidung muß gründlich überdacht werden." Für diese Bemerkungen fingen sie sich einen leicht ungeduldigen Blick von Simon ein.

"Wir müssen jetzt aber dringend gehen. Schönen Abend noch, Simon. Megan."

"Sie wollen doch jetzt wohl nicht mit den Karten abhauen?" Doch kaum hatte Simon diese Frage gestellt, verschwanden die beiden auch schon durch die nächste Tür. "ELLISON! SANDBURG!"

~~~~~

 

"Wie haben Sie früher Weihnachten verbracht, Jim?" Inzwischen war es schon spät geworden, und Blair und Jim saßen im Loft auf der Couch. Sie hatten sich noch etwas Glühwein gemacht, und unterhielten sich nun.

"Wissen Sie, es war nicht immer die beste Zeit des Jahres. Meistens war unser Vater nicht da. Nur ein oder zwei Mal nach der Scheidung unserer Eltern haben wir Weihnachten wirklich in der Familie verbracht. Manchmal haben Stephen und ich die anderen Kinder beneidet." Mit einer abwinkenden Handbewegung vertrieb Jim die Erinnerungen an seine Kindheit. "Naja, das ist ja jetzt vorbei. Wie war es bei Ihnen?"

"Mom hatte jedes Jahr einen anderen Lebensgefährten, mit dem wir Weihnachten feierten. Mich hatte das nicht groß gestört, denn dadurch gab es jedesmal viele Geschenke." Blair lächelte bei den Gedanken daran. Aber auch ich hatte mir manchmal gewünscht, mit meinem richtigen Vater Weihnachten zu feiern."

Blair sah Jim direkt an, und es herrschte minutenlanges Schweigen. Keiner von beiden wußte etwas zu sagen. Schließlich ergriff Jim das Wort.

"Die Karten sind nicht mein einziges Geschenk an Sie, Sandburg. Das Andere ist ein Versprechen. Ein Versprechen, daß ich Ihnen öfters zuhören werde. Ein Versprechen, daß ich Ihnen fast alles was Sie über meine Sinne wissen wollen beantworte. Und ein Versprechen, daß ich Sie öfters mal irgendwelche Tests machen lasse, ohne mich groß darüber zu beschweren."

"Jim..."

"Halt. Lassen Sie mich bitte ausreden. Ich weiß, daß ich in der Vergangenheit nicht immer fair zu Ihnen gewesen bin. Ich weiß auch, daß Sie eigentlich immer nur das Beste für mich wollen. Schließlich waren Sie es, der mir geholfen hatte, mit den Veränderungen klar zu kommen. Und Sie haben mich noch nie im Stich gelassen. Ich möchte mich jetzt schon entschuldigen, falls ich in Zukunft wieder irgendwelchen Mist bauen werde. Wenn ich Sie mit irgendwelchen Äußerungen verletzen sollte, dann weisen Sie mich bitte darauf hin. Ich möchte nicht, daß Sie irgendwann denken, daß ich Sie nicht leiden kann, oder daß ich Sie am liebsten los werden würde. Für mich sind Sie so etwas wie eine Familie. Und ich danke Ihnen, daß Sie mich zu der Feier heute überredet hatten. Heute habe ich ein Weihnachten erlebt, wie ich es schon immer erleben wollte. Im Kreise meiner Familie..."

"Jim. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Mir fehlen die Worte. Um ehrlich zu sein, ist das eine der rührendsten Sachen, die je jemand zu mir gesagt hat."

"Lassen Sie es aber nicht zu Kopf steigen, Häuptling." Jim mußte lächeln. Unwillkürlich verspürte er den Drang, seinen Freund zu umarmen. Nach einem kurzen Zögern gab er dem Drang nach. Wieder saßen sie wortlos so einige Minuten da. Dann merkte Jim, daß Blair in seinen Armen eingeschlafen war. War wohl ein langer Tag. Vorsichtig nahm er ihn hoch, trug Blair in dessen Schlafzimmer und legte ihn auf das Bett. Sachte deckte er ihn zu. Ein bißchen noch stand er in der Tür und beobachtete seinen Freund beim Schlafen. Danke, Blair.

- ENDE-

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